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Bordbuch · Eintrag 1

Trockene Berichte und importierte Stoffe

Sitzung vom 17:05:10225 NKS

Aufgezeichnet von Astaria

An jenen Morgen denke ich öfter zurück, als mir lieb ist. Über Nacht hatte sich die Technikphase eingeschlichen, leise wie ein Dieb, und im Bunker summten die Geräte wieder, als hätten sie nie geschwiegen. Ich saß noch immer in der Kantine und unterhielt mich mit einem Gardisten über irgendetwas, das mich damals sehr amüsiert haben muss. Erst als Shane mir auf die Frage nach der Uhrzeit trocken „kurz nach Sonnenaufgang“ antwortete, begriff ich, dass ich die ganze Nacht durchgeredet hatte. Frell.

Shane hatte frischen Kaffee aufgesetzt und den Rest in eine Thermoskanne gefüllt, gut sichtbar für alle. So ist er eben. Auf meine Frage nach Ciran erzählte er, dass es ihm besser gehe. Die beiden hatten nachts noch Eintopfreste gegessen, bis Ciran beinahe am Tisch eingeschlafen wäre. Rukleah kam vom Eingang herüber, wo sie die Nacht in voller Ausrüstung bei den Wachen verbracht hatte, und steuerte zielstrebig die Kanne an. Flint folgte bald, nachdem er die ganze Nacht in der Werkstatt an einem Rüstungsteil geschraubt hatte. Als Shane meinte, da habe wohl jemand nicht geschlafen, fragte Flint zwischen zwei Bissen: „Was ist Schlaf?“ Den Kaffee nannte er grässlich, genau wie er ihn in Erinnerung hatte, und trank ihn trotzdem aus. Shane hätte uns am liebsten alle ins Bett verfrachtet. Ayana kam aus dem Krankenbereich dazu, wo sie Flints Blut untersucht hatte, und fragte, wie es uns allen gehe. Sie war die Einzige, die halbwegs geruht hatte.

In der Kommandozentrale hatte Kendron derweil einen Funkspruch geprüft: Ein Bote war auf dem Weg zu uns. Dort traf er auch auf Lysara, die mit gepacktem Rucksack aufbrechen wollte, um sich in den umliegenden Dörfern nach unseren Doppelgängern umzuhören. Kendron mahnte zur Vorsicht und gab zu bedenken, dass Rukleah, die sie begleiten wollte, in letzter Zeit zu extremen Mitteln neige. Lysara ließ sich nicht beirren. Sie wisse sich zu helfen, sagte sie, und fügte mit gesenktem Blick hinzu, wir sollten unsere Probleme in den Griff kriegen, denn sie seien nicht förderlich für das große Ganze. Dann ging sie. Recht hatte sie, und das gefiel mir gar nicht. Als Mutter fragte ich Rukleah natürlich, wann sie zurück sein würden. Sie versprach mir, auf Lysara aufzupassen. Shane merkte schmunzelnd an, es könne auch umgekehrt kommen.

Kurz darauf traf der Bote ein und übergab Kendron eine verschlüsselte Datenkassette. Er rief mich über das interne Kom in die Zentrale. Bevor ich ging, erinnerte ich Flint noch an den Satellitenuplink, um den ich ihn gebeten hatte. Er machte sich mit einem Sandwich in der Hand auf den Weg.

Der entschlüsselte Bericht war so trocken wie alles, was Militärs je zu Papier gebracht haben. Berichte schreiben hatten sie nach der Wende also nicht verlernt. Kendron bot mir an, die Schriftart zu ändern. Wichtiger war die Liste der Orte, an denen unsere namenstehlenden Freunde aufgetaucht waren. Darunter fand sich nicht nur die eine oder andere Siedlung, sondern auch die Korytera-Zitadelle, eine der drei größeren Militäranlagen Keltas. Kontakt hatte es keinen gegeben, wohl aber Sichtungen von uniformiertem Personal. Entweder waren diese Leute an schwere Waffen gekommen, oder ihre Gönner saßen dort und bildeten sie aus. Wir beschlossen, dass sich die Kerngruppe die Anlage ansehen sollte, mit Gardisten als Rückhalt in der Nähe. Ayana kam dazu, als wir über Verstärkung sprachen. Kendron meinte, wir bräuchten langsam wirklich eine Armee, und fragte, ob er Fralham bei den Anwerbungen antreiben solle. Ayana warnte, dass man in der Eile Fehler mache. Bezahlen konnten wir niemanden, also brauchten wir ein Ideal. Ich nannte es so schlicht, wie es war: die Unabhängigkeit dieser Welt wiederherstellen. Kendron erinnerte an die Gefahr, Leuten an die Macht zu helfen, die sich dann gegen uns wenden. Das Problem mit den Häusern also wieder. Er wollte mit Ayana die Route ausarbeiten und herausfinden, welche Einheiten dort stationiert waren. Dann fragte er, ob wir überhaupt einsatzbereit seien. Ich sagte ihm ehrlich, dass die Nerven blank lagen. Wir waren uns einig, dass diese Spannungen ausgeräumt sein mussten, bevor es brenzlig wurde.

Während wir planten, ging Ayana die Wachen besuchen und bot jedem, der Kopfschmerzen hatte, ihre Hilfe an. So schüchtern sie ist, ihre Fürsorge siegt jedes Mal. Shane hörte in der Kantine den Gardisten zu, die über das Wetter rätselten und für Samstag einen Pokerabend planten, und füllte die Thermoskanne erneut auf. Flint erzählte mir später, dass ihm mehrere Satelliten geantwortet hatten. Einer davon war ein Verteidigungssatellit. Er legte die Daten im Bunker ab und zog dabei eine Augenbraue hoch, die mehr sagte als jeder Bericht.

Was draußen geschah, weiß ich nur aus Erzählungen. Lysara und Rukleah ritten durch das Waldstück zum ersten Dorf, das von Landwirtschaft lebte. Unterwegs erzählte Rukleah, sie sei auch einmal Mutter gewesen. Lysara bat sie, den armen Leuten nicht die Hölle heiß zu machen. Als Rukleah ihr einschärfte, sich im Notfall zuerst zurückzuziehen, warf Lysara ihr vor, den Helden zu spielen. Rukleahs Antwort: Sonst reiße ihre Mutter ihr den Arsch auf. Lysara fand, das sei ein Argument, und sprach von einem langen, schmerzvollen Tod. Da kennt mich jemand.

Durch das Zielfernrohr sah das Dorf harmlos aus: Felder, Arbeiter, keine Banner. Doch kaum waren die beiden abgestiegen, spürten sie die Blicke. Rukleah schlug vor, in die Luft zu schießen, was Lysara rundheraus ablehnte. Auf die Frage nach ihrer Aggressivität antwortete Rukleah nur mit „Erfahrung“. Lysara schlenderte schließlich zu einem Händler, fragte beiläufig nach dem Vorsteher und bewunderte seine Stoffe. Die sahen importiert aus. Rukleah wollte gerade von ihm wissen, woher er sie bekomme, und genau an dieser Stelle hing für uns alle mehr, als der Händler ahnen konnte.

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