Bordbuch · Eintrag 2
Lichter über der Korytera-Zitadelle
Sitzung vom 24:05:10225 NKS
Aufgezeichnet von Astaria
An jenen Abend denke ich oft zurück, und meistens fallen mir zuerst die Sandwiches ein. Das sagt vermutlich einiges über mein Leben.
Ein Bote der Gardisten hatte uns kurz zuvor erzählt, was wir befürchtet hatten: Die Doppelgänger, diese Namensdiebe, waren in mehreren Siedlungen aufgetaucht und auch in einer der letzten keltanischen Festungen, der Korytera-Zitadelle. Wer ihnen dort den Rücken stärkte, wussten wir nicht. Vielleicht eines der alten Häuser. Mir gefiel keine der Möglichkeiten, also stand das Ziel fest. Ich machte über das Wandterminal eine Durchsage an alle: packen, ausruhen, mit schweren Kämpfen rechnen. Motivationsreden waren noch nie meine Stärke.
Der Bunker summte danach wie ein Bienenstock. In der Kommandozentrale beugte sich Kendron über die Kartendaten und holte Ayana dazu. Sie wurde selten bei solchen Dingen gefragt, und man sah ihr die Aufregung an, als sie mit dem Finger die Wege nachfuhr. Den Hauptweg verwarf sie, zu viel Deckung für Gegner. Lieber ein Stück der alten Highwayroute und dann über die Abzweigungen, schnell und trotzdem geschützt. Kendron zeichnete genau diese Linie ein, druckte Karte, Backupkarte und farbige Ausweichrouten aus und nannte sie dabei „Liebes“. Ayana war, glaube ich, den ganzen Abend ein bisschen stolz. Zu Recht.
In der Kantine standen Shane und Ciran zwischen Brot und Belag. Ciran war wieder wach und beteuerte, es gehe ihm wirklich gut, was er bewies, indem er die Ware gleich selbst testete. Shane funkte zweimal die Zentrale an, bis Kendron antwortete, und übernahm dann mit seinem Sohn Proviant und Pferde. Isabelle hockte über ihrer Tasche, machte Inventur und polierte das Messer, das ich ihr einmal geschenkt hatte, so lange, bis sie zufrieden war. Dabei summte sie leise. Wie ich später erfuhr, hatte sie auch extra Wasser für mich eingepackt, weil ich das angeblich gern vergesse. Frechheit. Stimmt aber.
Flint wiederum hatte etwas gefunden, das uns allen fehlte: Augen im Himmel. Zwei Wettersatelliten, zwei Kommunikationssatelliten und einen alten Verteidigungssatelliten. Er hatte acht handtellergroße Geräte konfiguriert, die Wetterprognosen und das letzte Bild aus dem Orbit zeigten, grob, aber brauchbar, solange die Technikphase hielt. Als ich fragte, ob wir unsere Gegner damit weglasern könnten, erklärte er, er wolle den Satelliten lieber entwaffnen. Ciran merkte an, es dürfe bloß niemand auf die Idee kommen, seinen Namen in den Planeten zu brennen. Ich habe schon dümmere Ideen erlebt, also war ich froh über Flints Vernunft.
Unsere beiden Scouts waren da längst unterwegs. Was ich über ihren Tag weiß, haben mir Lysara und Rukleah später erzählt. In einem Dorf stießen sie auf einen Händler mit Stoffen, die nicht aus der Gegend stammten. Die kämen vom Pakt, sagte er und spuckte beim Wort Gilde auf den Boden. Der Pakt verspreche Schutz und freien Handel, Banditen gebe es kaum noch, für neue Geschäfte gebe es sogar Startkapital, gegen ein paar Steuern. Lysara spielte die Kundin mit gehobenem Geschmack, Rukleah die interessierte Geschäftsfrau, und beide kauften Stoff, der tatsächlich gut war. Dann zeigte der Mann, aus welcher Richtung die wöchentlichen Lieferungen kamen. Genau dorthin, wo eine alte primäre Militärbasis lag.
Sie ritten aus dem Ort, als wären sie fertig. Unterwegs schlug Rukleah vor, die Basis noch in derselben Nacht zu stürmen, Lysara bremste: erst Informationen, dann eingreifen. Ihre Leute zu holen würde ein bis drei Tage dauern, und auf Außenstehende hörten die sowieso nicht. Irgendwo zwischen Feldern verkündete Lysara, sie könne sich heute auch vorstellen, eine Armee aufzustellen und die Basis zu ihrem neuen Palast zu machen. Rukleah wollte sofort mitmachen. Ich hoffe, das war ein Scherz. Zumindest halb.
Wir anderen ritten derweil los, Isabelle hinter mir im Sattel, unelegant wie immer und mit ihrer Tasche im Klammergriff. Kendron hatte die Gardisten gebeten, uns mit Abstand zu folgen; ihr Treffpunkt lag in einem Waldstück im Südosten, wir selbst näherten uns aus Westsüdwest. Pläne der Anlage hatten wir keine, und um die Scouts zu erreichen, fehlte uns jedes Mittel. Wir hätten eine Nachricht im Bunker hinterlassen sollen, und ich weiß nicht mehr, ob wir es getan haben.
Kurz vor der Anhöhe stieg Shane ab, weil ein Mann zu Fuß weniger Schatten wirft als ein Reiter, und schlich die letzten Meter hinauf, das Fernglas so gehalten, dass die Sonne sich nicht darin spiegelte. Kendron setzte seinen Helm mit der Suchoptik auf, Flint holte die vergangenen Orbitalbilder auf sein Gerät. Was sie alle sahen, war dasselbe, was zur gleichen Zeit Lysara und Rukleah am Rand eines Wäldchens sahen, nur von der anderen Seite: eine überwucherte Festung auf einer Anhöhe. Lysara nannte sie bei ihrem alten Namen, die Zitadelle, einst Hauptsitz und Ausbildungszentrum des Militärs, lange stillgelegt. Unsere beiden Spurensuchen waren am selben Ort angekommen.
Und die Zitadelle war nicht mehr stillgelegt. Es brannten Lichter. Shane kam zurück und berichtete leise: Leute dort unten, keine Ahnung, wer oder wie viele, draußen keine Bewegung. Niemand schien uns bemerkt zu haben.
Noch nicht, dachte ich, und sah zu, wie die Schatten länger wurden.
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