Bordbuch · Eintrag 3
Rauch in den Schächten
Sitzung vom 31:05:10225 NKS
Aufgezeichnet von Astaria
An jenen Abend denke ich oft zurück, und jedes Mal fällt mir dabei Linsensuppe ein. Dazu später.
Wir lagen auf einer Anhöhe, die Pferde hinter uns, und vor uns duckte sich die Militäranlage, die wir die Zitadelle nannten, in die Landschaft. Wir wollten wissen, wer dort das Sagen hatte und warum ausgerechnet von dort die Doppelgänger Unterstützung bekamen. Shane hatte sich mit dem Fernglas an den Kamm geschoben. Als er zurückkam, fluchte er leise und tippte auf die Karte. Südöstlich schlich sich ein zweites Team an den Bunker heran: Lysara und Rukleah, unsere eigenen Späherinnen.
Kendron kommentierte das mit einem trockenen „Soviel zu: Man trifft sich auf dem Weg.“ Um fair zu sein, das Memo, das den beiden sagen sollte, wo wir steckten, lag noch in der Basis. Hier draußen konnten wir sie nicht erreichen, und das wussten alle.
Flint strich sich durch den Bart und schlug ein Lagerfeuer vor, ein scheinbar harmloses Nachtlager, das die Blicke der Wachen auf uns lenken sollte. Ich hielt das für eine Einladung an jede Patrouille im Umkreis. Kendron sah es genauso: Wer zwei Frauen beim Anschleichen helfen will, weckt nicht die ganze Garnison. Ayana, die sich bei Strategiefragen gern zurückhält, schlug sich auf meine Seite. Also ungesehen hinein und die beiden drinnen treffen.
Was Lysara und Rukleah in dieser Zeit trieben, haben sie mir später erzählt. Rukleah machte an einer geschützten Ecke der Südmauer die Stütze, Lysara hangelte sich an ein paar Vorsprüngen hoch und zog ihre Partnerin nach. Oben prägten sich beide Posten und Wachrouten ein, und Lysara schlich sich von hinten an den ersten Wachmann heran, hielt ihm den Mund zu, schickte ihn mit einem Schlag schlafen und fesselte ihn. Bei den nächsten beiden zählte Rukleah mit den Fingern von drei herunter. Lysara betäubte ihren Mann wieder nur. Rukleah machte es kürzer, mit dem Messer bis zum Heft in der Kehle, damit kein Laut mehr herauskam. Danach war die Mauer so gut wie leer.
Kendron entdeckte die beiden durchs Fernglas, als sie gerade über den Südsüdwest-Wall kletterten. Flint verglich die Karte mit einem Satellitenbild auf seinem Gerät und fand auf der Nordostseite einen Nebeneingang, mäßig genutzt. Genau richtig für uns. Die Sonne sank, es wurde kühl, und von unten wehten Gesprächsfetzen der Wachen herauf. Einer hoffte auf frische Linsensuppe in der Kantine, ein anderer wartete dringend auf die Ablösung, weil er pinkeln musste. Das war die Truppe, an der wir vorbeiwollten.
Flint führte uns mit seinen scharfen Augen bis an eine letzte Mauer. Kendron reichte Ayana seinen Rucksack, ließ sich von Flint eine Räuberleiter machen und warf von drüben ein Seil zurück. Flint folgte, Ayana reichte den Rucksack hoch und kletterte hinterher, und Flint half ihr auf der anderen Seite herunter. Shane hielt uns den Rücken frei, ich blieb im Hintergrund. Flint deutete auf einen Trampelpfad. Für einen Versorgungseingang war da zu wenig Verkehr.
Drinnen fanden Lysara und Rukleah hinter einer unverschlossenen Tür einen leeren Gang. Rukleah gefiel diese Ruhe nicht, und je weiter sie kamen, desto weniger. An einer Kreuzung hörte Lysara Schritte, und Rukleah zog sie in einen Nebenraum. Zwei Wachen schlenderten vorbei und plauderten über eine Stofflieferung an eine Siedlung im Norden. Dann fiel ein Name: Mira. Sie sei verrückt geworden, weil sie behauptet habe, die Avalon-Crew sei nicht die, die sie zu sein scheine. Der andere zischte, so etwas gelte als Verrat. Für Lysara und Rukleah war damit klar, wohin der Abend sie führte: zu den Zellen.
Wir hatten inzwischen den Nebeneingang geöffnet. Ein langer Gang, eine Gabelung, keine Kameras, keine Sensoren, nichts. Ich nannte die Bewachung stümperhaft und tippte auf einen Umschlagplatz. Kendron vermutete drittklassige Soldaten mit Skelettbesatzung und meinte, Frallham hätte so einen Eingang nie offen gelassen. Shane nickte. Flint hatte links ein gutes Gefühl, und tatsächlich wiesen die Schilder dort zum Technikraum. Dass das alles auch eine Falle sein könnte, sprach er beiläufig aus, als ginge es ums Wetter. Dann hatte er eine Idee, die er selbst dumm nannte: eine Stinkbombe in die Lüftung. Masken hatten wir keine, Shane nur ein Tuch, und Ayana bezweifelte, dass das gegen diesen Duft half. Kendron hätte Rauch lieber gehabt. Flint sagte nur „Verschiedenes“ und öffnete die Tür.
Zur selben Zeit standen Lysara und Rukleah vor dem Gefängnistrakt. Rukleahs Lasergewehr ließ sich nicht dämpfen, also nahm Lysara ein Wurfmesser. Auf drei stürmten sie hinein. Lysaras Messer traf, die zweite Wache duckte sich weg, und Rukleahs Schuss erledigte den Rest. In der einzigen belegten Zelle saß eine junge Frau, an einen Stuhl gefesselt und übel zugerichtet. „Verdammte Schweine“, sagte Lysara. Auf Rukleahs Frage, ob sie noch lebe, und Lysaras „Bist du Mira?“ hob die Frau langsam den Kopf, den Blick glasig, als wäre sie nur halb anwesend. Rukleah wollte die Zelle öffnen, Lysara durchsuchte die Toten nach einer Zugangskarte.
Im Technikraum grinste Flint über beide Backen, zog zwei Granaten aus dem Mantel und deutete neben die Tür, wo Atemmasken hingen. Ayana holte sie, Kendron verteilte sie, Shane hob den Daumen. Flint stellte die Lüftung auf maximale Verteilung, warf die Granaten hinein, sprang herunter, setzte seine Maske auf und rief: „Los geht’s!“
Die Bomben gingen hoch, und der Rauch kroch durch die Gänge und quoll aus den Schächten. Irgendwo darin standen Lysara und Rukleah mit einer gefolterten Gefangenen und dem festen Vorsatz, sie herauszuholen. Frell, dachte ich, hoffentlich hatten die da unten auch Masken.
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