Bordbuch · Eintrag 4
Dicke Luft im Kontrollraum
Sitzung vom 14:06:10225 NKS
Aufgezeichnet von Astaria
An jenen Abend denke ich oft zurück, meistens dann, wenn mir jemand erzählt, dass gute Pläne Zeit brauchen. Unserer brauchte etwa eine Stunde, eine Handvoll Rauchgranaten und einen Mann, der sich auf einen anderen Mann setzte.
Wir steckten mitten in einer Basis, die von Leuten gehalten wurde, die sich als Crew der Avalon ausgaben. Kurz zuvor hatten wir in einer Zelle eine junge Frau namens Mira gefunden, übel zugerichtet und kaum ansprechbar. Lysara half ihr vom Stuhl, während Flint uns fröhlich mitteilte, dass seine Granaten jeden Moment hochgehen müssten. Kurz darauf quoll Rauch aus den Lüftungsschlitzen, und Flint sah aus wie ein Kind am Geburtstag.
Blieb die Frage, was wir eigentlich wollten. Informationen, sagte Kendron, und die anderen treffen. Oder gleich das ganze Ding übernehmen, sagte ich. Ayana fragte vorsichtig, ob wir das überhaupt schaffen könnten, und Shane meinte, einnehmen ja, halten nein, dafür seien wir zu wenige. Am Ende einigten wir uns auf den Kontrollraum. Flint fand ihn auf der Wandkarte, tief im Inneren der Anlage, und Shane fotografierte den Plan mit seinem Pad ab.
Wir teilten uns. Rukleah übernahm mit dem Gewehr im Anschlag die Führung, Lysara stützte Mira, und die beiden brachten sie zu einem Labor, das Mira ihnen zugenuschelt hatte. Der Rest von uns folgte Flint, den Kendron kurzerhand zu unserem Rammdrachen ernannte. Shane klebte als Schatten hinter ihm, das Scharfschützengewehr über Flints Schulter gerichtet, Kendron mit gezogenen Klingen dahinter, Ayana mit ihrem Stab und ich am Schluss. Aus den Hauptgängen hörten wir, wie Milizen ihre Positionen wechselten. Irgendetwas brachte sie gehörig durcheinander.
Was im Gang vor dem Labor geschah, hat man mir später erzählt. Ein junger Milizsoldat stellte sich Rukleah und Lysara in den Weg, die Waffe erhoben, aber sichtlich unsicher. Er erkannte Mira. Rukleah schob sich zwischen ihn und die beiden anderen und erklärte ihm in ihrem freundlichsten Zischton, er solle die Waffe runternehmen, wenn er leben wolle. Er tat es, schloss ihnen sogar das Labor auf und sah dabei ständig zu Mira hinüber. Er hieß Finvar, stammte aus derselben Siedlung wie sie und hatte geglaubt, man habe sie wegen eines Zusammenbruchs in Behandlung genommen. Lysara versorgte ihre Wunden und stellte fest, dass Hilfe normalerweise anders aussieht. Schlimmer als die Prellungen war, dass Mira kaum noch da war. Lysara wünschte sich mehr als einmal ihre Mutter herbei. Ich nehme das als Kompliment, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob es eins war.
Unser eigener Weg verlief weniger diplomatisch. An einer Kreuzung kamen zwei Soldaten auf uns zu. Shane zählte mit den Fingern herunter, und als der letzte fiel, schossen er und Kendron gleichzeitig. Shanes Schalldämpfer machte kaum ein Geräusch, Kendrons Laserpistole fand das Visier seines Gegners. Die beiden ließen die Leichen in einer Abstellkammer verschwinden, und wir zogen weiter.
Vor dem Kontrollraum hörten wir jemanden dumpf durch eine Maske Befehle bellen, unterbrochen von Husten. Das Gas war also angekommen. Flint trat die Tür ein, warf eine weitere Rauchgranate hinterher und stürmte gleich mit. Shane schickte eine Welle aus Kraft über seinen Kopf hinweg, die alles umwarf, was noch stand. Flint sah sich kurz um, suchte sich den Kerl mit der Maske aus und setzte sich mit Schwung auf ihn. Der Rest der Besatzung kippte bewusstlos um. Ich habe schon elegantere Eroberungen gesehen, aber kaum effizientere.
Währenddessen brachen vor dem Labor hustende Wachen zusammen. Rukleah, die nicht wusste, dass das Flints Werk war, tippte auf eine dritte Partei. Lysara hatte eine eigene Theorie, fand aber, dafür sei noch zu wenig explodiert.
Flint drehte die Lüftung um, verriegelte jeden Zugang, den er finden konnte, und rief die Überwachung auf. Shane fesselte die Diensthabenden mit Kabelbindern, Kendron schleppte Bewusstlose aus dem Weg, Ayana kümmerte sich um die Benommenen. Ich nahm mir die Sprechanlage und verkündete der ganzen Station, dass sie sich nun in der Hand der Keltanischen Liga befinde und sich uns anschließen dürfe. Lysara hat später zugegeben, dass sie darauf gewettet hatte. Wenigstens die Wette hatte sie gewonnen.
Rukleah meldete sich prompt über die Anlage und wollte wissen, wie lange das Zeug wirkt. Etwa eine halbe Stunde, meinte Flint. Kendron funkte die Verstärkung an, die in der Nähe wartete, siebzehn Minuten bis zum Eintreffen. Weil Lysara jemanden brauchte, der sich Miras Geist ansehen konnte, machte sich Shane mit Ayana auf den Weg zum Labor. Nebenbei merkte er sich noch, wo unterwegs eine Wache am Boden lag.
Im Labor verteilte Lysara derweil belegte Brote, weil man ja ohnehin warten musste. Finvar aß und erzählte, dass seine Eltern bei der KMS gewesen und bei der Wende gestorben waren. Er war hergekommen, um ihnen Ehre zu machen. Rukleah sagte ihm, man habe ihn belogen, aber vielleicht bekomme er jetzt doch noch die Chance auf ein besseres Leben.
Unser Maskenmann war weniger einsichtig. Er drohte mit den Helden von Kelta Prime. Ich fragte, ob er die meinte, die sich für mich ausgab und nicht einmal die Crewliste richtig lesen konnte. Flint hielt einen leidenschaftlichen Vortrag über Identitätsdiebstahl und all die Arbeit, die er in das Schiff gesteckt hatte, stellte den Kerl auf die Füße und schnupperte an ihm, als wolle er sich die Witterung merken. Der Mann beteuerte, im Haus Neylok gebe es keine Lügner. Ein Adelshaus also. Natürlich. Die Kakerlaken überleben eben immer. Frell.
Kendron gab den Namen gleich in die Suche ein und verkündete, die Basis gehöre uns. Im Labor stellte Shane sich Mira vor, Ayana nahm die Maske ab und begann mit der Untersuchung, und Shane setzte sich im Schneidersitz hinter sie, um sich auf das vorzubereiten, was in Miras Kopf auf ihn wartete. Wir anderen machten uns auf die Suche nach Zellen. Es gab da ein paar Leute, die ein neues Zuhause brauchten.
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