Bordbuch · Eintrag 5
Ein Anker in der Dunkelheit
Sitzung vom 21:06:10225 NKS
Aufgezeichnet von Astaria
An jenen Abend denke ich oft zurück, und meistens nicht, weil wir eine Zitadelle eingenommen hatten. Das war erstaunlich unspektakulär gewesen. Flints Gas hatte den Großteil der Besatzung schlafen gelegt, und als die Kommandozentrale uns gehörte, ließ ich mich einfach auf einen Stuhl fallen. Der Tag war lang gewesen, und ich bin nicht mehr so jung, wie ich aussehe. Auch nicht so tot, wie manche gern hätten.
Kendron beugte sich über die Konsolen und versuchte herauszufinden, wie viele Truppen in diesem Kasten untergebracht waren und ob Patrouillen zurückkehren könnten. Ciran, Shanes Sohn, setzte sich vor die Kamerabilder und markierte auf seinem Pad jeden Raum, in dem noch Bewusstlose herumlagen. Flint schleifte derweil den maskierten Kommandanten, den er zuvor zu seinem persönlichen Sitzkissen erklärt hatte, in eine abgelegene Zelle. Als er zurückkam, fragte ich, ob er ihn an einem Stück gelassen habe. Hatte er. Er wollte ihm nur einen Schrecken einjagen. Was man mit einem Gefangenen anfängt, wussten wir trotzdem nicht so recht.
Im Labor kümmerten sich die anderen um die junge Frau, die wir aus den Zellen geholt hatten. Mira hieß sie. Meine Tochter Lysara hatte ihre Kopfwunde und das blaue Auge bereits versorgt, Ayana untersuchte sie noch einmal gründlich. Was ihnen Sorgen machte, waren nicht die Prellungen. Mira starrte zu Boden, sprach kaum, ihre Pupillen waren riesig. Rukleah glaubte nicht, dass ein paar Schläge jemanden so zurichten. Eine der Wachen, die wir aufgegabelt hatten, stammte aus Miras Dorf. Er erzählte Shane, sie sei immer nett zu allen gewesen, besonders seit sie als Kind in einem kalten Winter in einen See eingebrochen war und wiederbelebt werden musste. Das habe sie verändert. Dann flüsterte Mira ein einziges Wort: Monster. Und danach nichts anderes mehr.
Shane setzte sich vor sie, legte ihr nur eine Hand auf den Knöchel und tastete mit geschlossenen Augen nach ihrer Aura. Er sah dunkle Gestalten mit messerscharfen Zähnen, menschenähnlich und doch nicht zu erkennen, und eine Blockade, die jemand in ihren Geist gesetzt hatte. Rukleah bat übers Intercom um die Überwachungsaufnahmen. Flint fischte sie mit der Leichtigkeit eines Mannes, der so etwas zum Frühstück macht, aus dem System und schickte sie runter.
Die Bilder waren zunächst, was man erwartet: Wachen, die auf eine halb bewusstlose Frau einschlugen. Dann flackernde Aufnahmen aus einem Konferenzraum. Mira kam herein, geriet in Panik, wurde festgehalten, und jemand legte ihr die Finger an die Schläfen. Niemand dort sah aus wie ein Monster. Aber Lysara bemerkte, dass auch die Doppelgänger der Avalon-Crew im Raum standen, und Mira hatte keine Angst vor ihnen. Ihr Blick hing an den anderen. Lysara begann, Zeitstempel mit den Besucherprotokollen abzugleichen.
Während Kendron, Flint und Ciran loszogen, um die Schlafenden zu fesseln, zu entwaffnen und in die Zellen zu verfrachten, blieb ich in der Zentrale. Kendron wünschte sich laut einen dieser Transporter von den Leuten in Schlafanzügen. Flint organisierte stattdessen einen Wagen und belud ihn so schonend, wie man Bewusstlose eben stapeln kann.
Im Labor stand derweil eine Entscheidung an, um die ich niemanden beneidet habe. Shane erklärte nüchtern, was möglich war: nichts tun, die Blockade brechen und Mira zurückholen, oder sie brechen und dabei ihren Geist zerstören. Er fragte den jungen Wächter, der sie am besten kannte. Der rang mit sich und sagte schließlich, er selbst wolle lieber tot sein als so weiterzuleben, und er glaube, sie auch. Ayana, Lysara und Rukleah stimmten zu. Rukleah sagte, sie übernehme die Verantwortung, beugte sich zu Mira hinunter und raunte: „Du wirst das überleben, Soldat. Verstanden?“ Der Wächter nahm Miras Hand. „Du schaffst das, okay? Und dann gehen wir nach Hause.“ Shane nannte ihn einen Anker in der Dunkelheit und band ihn in die Verbindung ein.
Mitten hinein schwappte eine Magiewelle über das Land. Die Luft schmeckte geladen, die Lichter sprangen auf das Blau der Feenlampen um, und jede Anzeige vor mir wurde schwarz. „Toll“, sagte ich zu niemandem und drehte mich mit dem Stuhl im Kreis. Kendron wankte kurz, Ciran schüttelte sich wie ein nasser Hund, Rukleah prüfte ihr abgeschirmtes Gewehr. Lysara verlor ihr Terminal genau in dem Moment, als sie die gefundenen Namen notieren wollte. Frell.
Sie hielt es danach nicht mehr im Raum aus und ging vor die Tür. Rukleah folgte ihr. Lysara hatte ihre Gründe, Gedankenmanipulation zu verabscheuen, und es sind keine abstrakten. Sie fürchtete, dass wir Monster oder Dämonen unter uns hatten.
Drinnen arbeitete Shane sich Stück für Stück vor. Er sah Miras glückliche Erinnerungen an ihre Kameraden, an einen ganz bestimmten Freund, und schob sie zu der Wärme, die vom Wächter kam. Die dunklen hielt er fest. Mira weinte. Dann stieß er eine Welle aus wie gegen einen Gegner, und die Mauer brach. Alles flutete heraus: der Konferenzraum, die Doppelgänger, und diese Wesen, die aus dem Augenwinkel ganz normal aussahen und deren bloßer Blick jeden Überlebensinstinkt aufschreien ließ. Mira schrie. Shane hielt sie, geistig, bis sie ruhiger wurde. Dann übergab sie sich auf ihn und sackte in den Armen ihres Freundes zusammen.
Ihr Puls war schwach, aber stabil. Shane lag schweißgebadet auf dem Rücken und verlangte nach Whisky. Ayana hatte keinen im Rucksack.
Zur gleichen Zeit erreichten Kendron, Flint und Ciran die letzten Gefangenen vor dem Labor. Flint schwärmte gerade davon, wie in seinem liebsten Weihnachtsfilm durch Luftschächte zu kriechen, als Ciran plötzlich losrannte, als hätte ihn der Teufel gestochen, und „Dad!“ rief.
Da endete der Abend. Was die Zitadelle sonst noch verbarg, mussten wir erst herausfinden.
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