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A RS-Avalon

Bordbuch · Eintrag 8

Eintopf, Asche und ein Tropfen Blut

Sitzung vom 12:07:10225 NKS

Aufgezeichnet von Astaria

An jenen Abend in der Zitadelle denke ich oft zurück. Nicht, weil etwas Großes passiert wäre. Sondern weil es einer der seltenen Abende war, an denen wir nicht kämpften, sondern Pläne schmiedeten. Das ist anstrengender, als man meint.

Die Zitadelle gehörte uns, zumindest die oberen Ebenen. Die Wachen saßen im Arrestbereich, und Mira hatte die Befragung überstanden, wollte aber nur noch zurück in ihr Dorf. Verdenken konnte ich es ihr nicht. Was wir jetzt brauchten, war ein Plan, und vielleicht auch jemand, der der Geschichte einen kleinen Schubs gab. Ausgerechnet Shane hatte dafür den ersten brauchbaren Ansatz geliefert: Die Truppen hier wurden versorgt, aber nur so knapp, dass keiner verhungerte. Wer ihre Herzen wollte, musste über den Magen gehen. Für eine Crew voller Hobbyköche war das eine Schwachstelle, wie man sie sich nicht schöner hätte wünschen können.

In der Kantine schob Shane seinen Teller mit dem, was man dort Essen nannte, demonstrativ von sich weg. Er saß immer noch mit nacktem Oberkörper da und kündigte an, die Hygieneanlagen später persönlich zu testen. Kendron notierte derweil alles, was wir brauchen würden: Nahrung, Medizin, eine Inventur, und vor allem eine Prüfung, ob die Zitadelle in Technik- wie in Magiephasen auf eigenen Beinen stehen konnte. Shane schlug vor, eine Lieferkette zu den umliegenden Dörfern aufzubauen. Kendron hatte eine andere Idee: Die KRS hatte überall Bunker angelegt, und einer davon, ein modifizierter, sollte ganz in der Nähe liegen. Haltbare Nahrung, Material, Versorgungsgüter, versteckt vor der Nase der keltanischen Regierung. Kendron glaubte, dass es genau dafür gedacht war. Damit wir das hier wieder geradebiegen.

Ich hatte nur ein Anliegen: Ich brauchte den zusätzlichen Schlüssel für die Portale, das Anwahlgerät. Flint nahm das als Stichwort. Bei der lausigen Wartung hier steckte noch alles Mögliche in den Reaktoren, meinte er, gute Chancen also, daraus etwas herzustellen. Dann aß er seine Kantinenmahlzeit mit dem Gesicht eines Mannes, der fest daran glaubt, sie zu überleben, und verschwand dorthin, wo er sich am wohlsten fühlt: tief unten zwischen den Maschinen.

Ayana ging zurück ins Labor. Ihr war nicht ganz wohl dabei, allein durch die Gänge zu laufen, auch wenn Kendron ihr versichert hatte, dass die oberen Ebenen sicher waren. Sie sah trotzdem nach links und rechts. Man lernt das. Im Labor arbeitete sie sich Schrank für Schrank vor, von links nach rechts, oben nach unten, murmelte vor sich hin und schrieb mit, ohne hinzusehen. Kanülen, Katheter, Medikamente, mehr, als sie erwartet hatte. Aber nicht alles war beschriftet, und manches trug seltsame Markierungen. Ein Behälter roch so, dass sie zurückfuhr und ihn hastig wieder schloss. Bei Allah, was war das? Sie zog Handschuhe an und setzte es ganz oben auf die Liste der Dinge, die sie untersuchen musste.

Draußen bei den Pferden striegelte Rukleah ihre Haru und sah zu, wie Lysara ein fremdes Pferd sattelte und dabei pfiff, als wäre Pferdediebstahl ein gemütlicher Sonntagsausflug. Lysara wollte mit einem Verwalter reden, dem Mann, der für diese Allianz in einem der Dörfer zuständig gewesen sein sollte. Etwas außerhalb des Protokolls, sagte sie, etwas, wofür ihre Einheit sie rauswerfen könnte. Rukleah wünschte ihr Glück. Auf die Frage, was sie selbst vorhabe, zuckte sie nur mit den Schultern. Vielleicht würde sie sich einfach absetzen, wenn alle schliefen.

Unten bei den Reaktoren tat Flint etwas, das man ihm nicht zugetraut hätte. Er kratzte die Abfallprodukte in einen Karren, sortierte, schmolz alles Brauchbare in einem improvisierten Tiegel und zündete den Brenner an. Dann zog er mit Kreide einen Kreis darum und legte Dinge aus, die für Reinheit stehen: Seife, einen Waschlappen, ein leeres Blatt Papier. Den Schlüssel setzte er an den Rand. Flint hält nicht viel von Magie, aber er hatte Zeit, und schaden konnte es nicht. Er stellte sich das Atom vor, das er wollte, jede Linie des Gitters, verwandelte einen Finger in eine Klaue, stach sich und ließ einen Tropfen Blut auf die Kreide fallen. Ob es etwas brachte? Das zeigte jener Abend noch nicht.

In der Kantine wurde es derweil ernst. Kendron und Shane sprachen über die Doppelgänger, die mit unseren Namen herumliefen, und darüber, wie schnell die Leute vergessen hatten, wie wir aussahen. Sechzehn Jahre, keine Holovids, und Kendron hatte damals ohnehin fast immer einen Helm getragen. Kendron erinnerte sich an die Archivwelt hinter der großen Barriere und ihre lebendige Geschichte Keltas: Immer wieder Vorbilder, dann Bequemlichkeit, dann Korruption, bis jemand alles zurechtrückte. Zuletzt waren wir das gewesen. Diesmal, meinten die beiden, brauchte es Nachfolger. Leute mit Weitsicht und gutem Herzen. Frallheim vielleicht. Oder Shanes Bettgefährtin, wie Kendron trocken einwarf, was Shane kurz aus dem Konzept brachte. Mit dem „Segen der heiligen Astaria“, natürlich. Frell. Ich habe gelernt, damit zu leben.

Was danach kam, hat man mir erst später erzählt. Shane sprach von Köpfen unserer Leute auf Spießen, irgendwo auf einem anderen Planeten. Kendron gab zu, dass seine Symptome stärker wurden, dass er nach über fünfzehn Jahren ohne Training Angst hatte vor dem, was er anrichten könnte. Shane legte ihm die Hand auf und bot an, es gemeinsam herauszufinden, irgendwo abseits, wo niemand Schaden nimmt, und mich wollten sie fragen, ob ich so einen Ort kenne. Ayana sollte davon noch nichts wissen. Kendron wollte es ihr selbst sagen, in einer ruhigen Minute. Falls wir eine bekämen.

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