Bordbuch · Eintrag 9
Ranken über dem Bunker
Sitzung vom 19:07:10225 NKS
Aufgezeichnet von Astaria
An jenen Abend denke ich oft zurück, meistens dann, wenn mir wieder jemand erzählt, Pflanzen seien harmlos.
Es waren einige Stunden vergangen, seit wir die Zitadelle genommen hatten. Frallhams Gardisten hatten ihre Posten bezogen und sich sogar in der Zentrale breitgemacht, was sich gleichzeitig nach Sicherheit und nach fremdem Wohnzimmer anfühlte. Shane hatte Wort gehalten und unsere beiden Gäste zum Ausgang geleitet, damit sie ihren Heimweg antreten konnten. Bei der Gelegenheit hatte er gleich unsere Pferde eingesammelt. Dass meine Tochter Lysara den beiden Turteltauben in einigem Abstand gefolgt war, um sich deren Verwalter einmal vorzuknöpfen, erfuhr ich erst später. Gesagt hatte sie natürlich nichts. Macht sie selten.
Kendron hatte sich über die Karten in der Zentrale hergemacht und verglich sie mit seiner Karte aus dem Bunker. Er murmelte vor sich hin, dass hier etwas passe und dort etwas ganz anders sei, und dass man wenigstens wissen müsse, wie alt diese Dinger seien. Ich stand daneben, sah mir die Pläne an und fragte mich, ob es überhaupt noch Sinn hatte, hier zu bleiben. Eigentlich wollte ich zurück ins Archiv im Palast, allein und im Schutz der Dunkelheit.
Dann kam Ayana aus dem Labor, sichtlich zufrieden. Sie hatte dort mehr Medikamente gefunden, als sie seit Langem auf einem Haufen gesehen hatte, dazu Materialien, die nicht einmal im Bunker gelagert waren. Damit konnte sie unsere Vorräte auffüllen und noch mehr herstellen. Gedankenverloren fragte sie sich, was die hier wohl vorgehabt hatten. Mir wollte sie für meinen Weg gleich ein paar Medikamente mitgeben, weil man damit Wege ebnen könne, falls ich unterwegs jemandem begegne. Ich erklärte ihr, dass mein ganzer Plan darauf beruhte, niemandem zu begegnen. Sie meinte nur, die Hoffnung sterbe zuletzt, und dass sie sich immer Sorgen um mich mache. Schwer, darauf etwas Sarkastisches zu erwidern.
Kendron hatte inzwischen mit den Gardisten gesprochen. Sie konnten Boten in die Dörfer schicken. Aber wie er mit Shane schon besprochen hatte, brauchten wir Anführer und Vertrauensleute, denen wir diesen Ort irgendwann überlassen konnten. Ich gab ihm recht. Früher oder später würde jemand versuchen, uns die Zitadelle wieder abzunehmen. Kendron wollte sie kampftauglich machen und Freiwillige ausbilden, und dafür hatte er auf den alten Plänen etwas entdeckt: einen weiteren Bunker der KRS ganz in der Nähe, allem Anschein nach ein Materiallager. Genau das, was uns für die Versorgung fehlte. Ich schlug vor, die Gardisten für ein paar Stunden übernehmen zu lassen und gemeinsam hinzugehen, damit jeder mit seinem Fachwissen beurteilen konnte, was wir mitnehmen sollten. Ayana schoss sofort los, um ihren Rucksack zu holen, und hätte dabei beinahe Shane umgerannt, der gerade frisch gewaschen und umgezogen hereinkam. Zum Glück hat er gute Reflexe.
Unten in der Kantine hatte Ciran die Vorräte sortiert und einen großen Topf kräftiger Suppe aufgesetzt, genug für die Soldaten, für uns und auch für die Gefangenen. Die könne man ja nicht hungern lassen, fand er. Dann schob Flint einen Karren voller Material herein, verrußt bis über beide Ohren und mit einem Geruch nach Rauch, der jeden Kamin beschämt hätte. Ciran warf ihn kurzerhand hinaus: erst waschen, dann gibt's Essen. Flint grummelte etwas Unverständliches und trollte sich mitsamt Karren.
Kendron seufzte gerade, dass interne Kommunikation jetzt schön wäre, da sprangen die Bildschirme an und das Licht schaltete um. Technikphase. Als hätte Kelta zugehört. Ich behauptete, das mit meinen göttlichen Fähigkeiten heraufbeschworen zu haben, und das war ein Fehler. Shane nannte mich prompt Heilige Astaria, Kendron sprach vom ersten Teil der Legende, und als ich mit einem Thronsaal drohte, wollte Shane wissen, wo er denn erbaut werden solle, Eure Heiligkeit. Auf dem höchsten Punkt des Berges, sagte ich, damit Bittsteller Treppen steigen müssen, und den Weg nach oben nenne ich den Pfad des Ursprungs. Danach war Schluss mit lustig. Kendron griff zum Funkgerät und rief die Crew zum Haupteingang.
Dort sattelten wir die Pferde: Shane seinen Cerberus, Ciran seinen Pegasus. Ayana verteilte Leckerlis, an ihr eigenes Pferd und an jedes andere, sie würde nie eines übergehen. Kendron suchte sein Pferd und hatte offensichtlich vergessen, wie er es genannt hatte. Nur Flint fehlte. Ich brüllte seinen Namen über das Gelände, was Ciran sichtlich froh machte, gerade keine Wolfsohren zu haben. Wie sich herausstellte, war Flint auf der Jagd gewesen, hatte sich mitten im Sprung verwandelt und seine Beute erlegt. Nun landete er hart vor uns, das tote Tier zwischen den Zähnen, und fragte: „Waff ift?“ Mitkommen wollte er erst nach dem Essen. Er wolle noch ein paar Schlüssel basteln, und wir sollten ihm ein Souvenir mitbringen. Ich gebe zu, mir wäre lieber gewesen, er wäre gleich dabei gewesen. Ciran ging es genauso.
Kendron führte uns nach Nordosten, die Karte in der einen Hand, die Zügel in der anderen. Er und sein Pferd waren sich nicht immer einig, und Shane gab ihm geduldig Reitunterricht im Sattel. Irgendwann mussten wir ins Unterholz, saßen ab und führten die Pferde. Kendron bemerkte als Erster, dass der Weg absichtlich angelegt und getarnt worden war, überwuchert von Pflanzen, die alles verschlangen. Typisch KRS, meinte er, meine persönliche Geheimarmee. Danke auch. Shane fragte sich, ob jemand ein Wachstumsmittel benutzt hatte, und Ayana hielt das für möglich. Ich erinnerte daran, dass die Magie Pflanzen ohnehin schneller und aggressiver wachsen lässt. Der alte Palastgarten ist in drei Jahren zu einem Irrgarten geworden, in dem sich angeblich Hexen verstecken, und die Hecken töten ab und an. Kendron sah mich an. Ich sagte ihm, er solle nicht fragen.
Keine zwanzig Meter mehr, laut Karte. Ayana entdeckte links von uns etwas unter dem Grün. Ich zog mein Schwert, Kendron seine Machete, Shane und Ciran ihre Klingen, und wir rückten den Ranken zu Leibe. Kendron legte etwas frei, das nach einem Filter der Lebenserhaltung aussah, der Eingang konnte nicht weit sein. Irgendwo über uns, so erzählte Flint später, war er gerade auf einer Lichtung gelandet und folgte unserer Witterung. Dann schnitt Shane an der Ecke durch das Efeu, und seine Klinge traf mit einem lauten metallischen Klonk auf etwas Hartes.
Wir hielten alle den Atem an. Was da im Grün auf uns wartete, sollten wir gleich herausfinden.
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