Bordbuch · Eintrag 10
Das Grab unter dem Farn
Sitzung vom 26:07:10225 NKS
Aufgezeichnet von Astaria
An jenen Abend denke ich oft zurück, meistens dann, wenn mir jemand erzählt, ein Bunker sei bloß ein Bunker.
Die Zitadelle hielt, aber die Vorräte nicht. Also waren wir losgezogen, zu einem Versorgungsbunker, den Kendron auf alten Plänen gefunden hatte. Angeblich voll mit allem, was man für eine Siedlung braucht. Wir hatten Technikphase, die Taschenlampen funktionierten, und der Eingang lag unter so viel Farn und Ranken, dass man ihn für einen Hügel halten konnte. Shane schnitt ihn frei, Kendron säbelte an den Wänden herum, und Ayana stand davor und sagte leise, wir sollten herausfinden, was auf uns wartet. Ein Satz, der im Nachhinein mehr Gewicht hat, als ihr damals klar war.
Am Ende eines kurzen Gangs wartete eine Tür samt Bedienterminal, beides grün überwuchert. Ich schlug vor, so lange dagegen zu treten, bis sie aufgibt. Kendron fragte trocken, ob ich Bedarf an Aggressionsbewältigung hätte. Ich trat trotzdem. Die Tür machte Klonk und sonst nichts. Shane bot seinen Universalöffner an, mit dem Hinweis, danach sei die Tür eben offen, und zwar für immer. Da brach Flint durchs Unterholz, in Drachengestalt, frisch gesättigt aus der Zitadelle, wandelte sich in einen Menschen und meinte nur: „Ah, ich sehe meine Arbeit.“ Ein paar Eingaben später glitt die Tür mit metallischem Klang auf.
Ich hatte die ganze Zeit ein Kribbeln im Nacken gehabt und es als Nervosität in fremder Gegend abgetan. Kaum hatte ich das laut gesagt, schleuderte mich eine Pranke gegen den nächsten Baum. Ein mutierter Bär, riesig, mit Reißzähnen, die auf Kelta nichts verloren hatten. Ayana schrie meinen Namen und riss ihren Stab hoch, Shane wirbelte herum und hieb mit dem Krummsäbel nach der Pranke, Ciran ließ die Zügel der Pferde fahren und griff zum Bogen. Flint wollte den Eingang decken, während alle anderen hineingingen. Ich habe ihm und allen anderen Helden ziemlich deutlich gesagt, wohin sie sich ihren Heldenmut stecken können. Kendron blieb an Ayanas Seite, Ciran zerrte die Pferde mit, und ich ging als Letzte rückwärts durch die Tür, den Blick auf dem Vieh. Flint schloss hinter mir. Auf Ayanas Frage, ob ich verletzt sei, konnte ich nur sagen: an der Ehre vielleicht.
Drinnen roch es nach Moos. Pflanzen an den Wänden, wo eigentlich Reinigungssysteme und korrosionsfeste Verkleidung hätten sein sollen, wie Kendron stirnrunzelnd bemerkte. Wir teilten uns auf. Flint und Shane suchten die Technik, Ayana und Ciran die Krankenstation, Kendron und ich die Kommandozentrale. Ciran raunte Ayana zu, im Gegensatz zu seinem Vater habe er keine Angst vor Krankenstationen, und Ayana wuschelte ihm durchs Haar. Mich wuschelte niemand. Ich trage es mit Fassung.
Je tiefer wir kamen, desto weniger passte das Bild. Sackgassen, versiegelte Panzertüren, Wegzeichen, die keine keltanischen Symbole waren, und Wände mit Ornamenten, als hätte jemand versucht, aus einem Bunker ein Kunstwerk zu machen. Kendron fühlte sich an die Grenzzone erinnert, an den alten Palast jenseits der Barriere. Ciran ging in Wolfsgestalt voraus und folgte einem Hauch von Reinigungsmittel, bis sie an Fenster kamen, die von innen beschlagen waren. Ayana prüfte die Luft an der Türritze mit einem Gerät: abgestanden und vermodert, aber nicht gefährlich. Unten fand Flint Pilze an den Wänden und keine Spur von normalen Betriebsmitteln. Er legte den Türmechanismus frei, entriegelte ihn, bat Shane, die Tür aufzustemmen, und Shane jagte einen Machtstoß dagegen. Die Tür flog quer durch den Raum und zertrümmerte etwas. „Eh … passiert“, war alles, was Flint dazu einfiel.
Vor der gepanzerten Tür zur Zentrale tippte ich aus einer Laune heraus meinen alten Zugangscode ein und ließ meinen Fingerabdruck scannen. Es funktionierte. Frell, es funktionierte tatsächlich. Kendron und ich stemmten die Tür auf, und uns schlug Moder entgegen. An den Konsolen saßen zwei Gestalten, erstaunlich gut erhalten und von Ranken durchwachsen. Es roch muffig, nicht süßlich, wie Kendron feststellte. Ich weiß nicht, was mich mehr beunruhigte.
In der Krankenstation fanden Ayana und Ciran leere Betten, manche völlig zugewachsen, und im Operationsbereich Körper unter dichtem Pilzgeflecht. Ayana verteilte Kräuter gegen den Gestank und schnitt mit Handschuhen die Pflanzen von den Tischen, leise mit ihnen redend, wie sie es immer tut. Ciran fand, verbrannter Vampir rieche schlimmer, half ihr aber trotzdem, obwohl ihm das Zeug in keiner Gestalt geheuer war. Unten fuhr Flint den Reaktor hoch, ein Luxusmodell, wie er naserümpfend bemerkte, Shane legte den roten Hebel um, und die Anlage erwachte. Flint erzählte dabei, er habe einmal unbekannte Pilze gegessen und drei Tage gebraucht, um den Rückweg zu finden. Shane fand, das seien dann wohl keine guten Pilze gewesen.
Als die Bildschirme in der Zentrale aufleuchteten, las Kendron vor. Die Station hieß Edin Raka 02, über tausend Jahre alt, aus der Zeit des Sternenreichs. Kein Versorgungsbunker, sondern Forschung: die Belebung von Gewächsen, Terraforming in kontrollierter Umgebung. Die letzte Forschung lag über sechshundertzwanzig Jahre zurück, danach war der Ort nur noch gesichert worden. Besetzt, auch noch, als wir gegen Euer Gnaden die Spinne um Kelta gekämpft hatten. Die KRS wusste davon. Ich, die über diese Welt geherrscht hatte, nicht. Material war eingelagert worden, die Labore hatte man versiegelt.
Wir waren uns schnell einig, keine Labore zu öffnen. Wer so etwas versiegelt, hat Gründe. Kendron griff zum Funk, markierte den Weg in Rot und rief alle in die Zentrale. Ayana ließ das Messer sinken und sagte Ciran, sie würden schon herausfinden, wie lange diese Toten hier gelegen hätten. Dann machten sie sich auf den Weg zu uns, durch die Gänge eines Grabes, das jemand sehr lange sehr sorgfältig gehütet hatte.
Willst du beim nächsten Mal dabei sein?
Wir spielen jeden Sonntag von 19 bis 21 Uhr, ohne Anmeldung direkt im Browser.
Jetzt mitmachen