Bordbuch · Eintrag 11
Was in den Pilzen schläft
Sitzung vom 02:08:10225 NKS
Aufgezeichnet von Astaria
An jenen Abend denke ich oft zurück, meistens dann, wenn mir jemand erzählt, irgendein Auftrag sei nur eine simple Materialbeschaffung. So hatte Kendron unseren Ausflug in den alten Bunker nämlich verkauft. Am Ende standen wir in einer Zentrale voller Pilze, neben zwei Toten an den Konsolen, und lasen in Dateien, die ich als einstige Herrscherin Keltas hätte kennen müssen und nie zu Gesicht bekommen hatte.
Kendron hatte uns alle zusammengerufen. Ayana kam mit Ciran im Laufschritt herein, kurz darauf folgten Flint und Shane, die zuvor die Energie wiederhergestellt hatten. Ayana brachte selbst schlechte Nachrichten mit. Sie hatten eine Art Krankenstation entdeckt, überwuchert von Pflanzen, und auf den Tischen lagen Leichen, regelrecht eingebettet im Grün. Sie sähen aus, als seien sie gerade eingeschlafen, sagte sie. Ich fragte, ob sie so aussähen wie unsere beiden Freunde an den Konsolen. Ayana sah hinüber und nickte. Genau so.
Kendron fasste zusammen, was wir wussten. Der Bunker stammte noch aus der Zeit des Keltanischen Sternenreichs, und man hatte hier Terraforming-Experimente betrieben, offenbar mit dem Ziel, den Prozess zu beschleunigen. Laut den Akten waren die Versuche gescheitert, beendet und die Labore versiegelt worden. Die Proben galten als leblos, und das seit mehreren hundert Jahren. Später hatte man die Anlage als Einsatzbunker und Notlager weiterverwendet. Nur passte das alles nicht zu dem Dschungel, der uns umgab. Flint vermutete, dass die Versiegelung nur teilweise gehalten hatte. Ich hielt es für möglich, dass die Ereignisse der letzten Jahre irgendein Siegel hatten reißen lassen.
Was mir mehr zu schaffen machte: Mein Zugang wurde von den Systemen akzeptiert, als wäre das selbstverständlich. Kendron meinte, langsam sehe es so aus, als hätte ich sogar im Ruhestand noch eine geheime Privatarmee. Mir fehlte nur noch der persönliche Kult. Wäre ja nicht das erste Mal, dass man mich mit etwas überrascht, das in meinem Namen existiert.
Dann sprach Flint aus, woran keiner denken wollte. Falls er recht hatte, waren wir dem, was das alles verursacht hatte, längst ausgesetzt. Sporen. Frell. Mein erster Gedanke war, den Bunker abzubrennen und danach zu sprengen. Ayana gab zu bedenken, dass das Feuer auf die Umgebung übergreifen könnte, und Kendron wollte erst nachsehen, ob es eigene Vorrichtungen dafür gab, etwa ein Quarantäneprotokoll. Also verteilten wir die Aufgaben. Flint sollte eine Dekontaminationskammer bauen, damit wir nichts nach draußen schleppten, Ayana sollte Blutuntersuchungen organisieren und einen Scanner auftreiben, und Kendron und ich gruben uns durch die Datenbank. Ich rief noch hinterher, die Labore bitte zuzulassen, und aus dem Gang schallte Flints "Verstanden!" zurück.
Ayana ging zur Krankenstation, fasste dort so wenig wie möglich an und kam mit einem Scanner zurück, den sie gründlich desinfiziert hatte. Alles Benutzte warf sie sofort in einen Behälter. Danach richtete sie in der Zentrale ein provisorisches Labor ein, auf einem Tisch, den sie zuvor ebenso penibel gereinigt hatte, direkt neben unseren beiden Toten. Kendron fragte, ob man die nicht wegbringen oder wenigstens abdecken sollte. Ayana riet davon ab, sie anzufassen, und in fremden Schränken nach Planen zu wühlen lehnte sie ebenso ab. Ich gab ihr recht.
Flint war derweil, wie er mir später erzählte, durch Technikräume und Ersatzteillager gestreift, hatte einen Wagen gefunden und alles aufgeladen, was er brauchte. Er verriegelte das Haupttor und baute davor eine Luftschleuse samt Deko-Kammer. Als Zugabe schraubte er nebenbei einen provisorischen Flammenwerfer zusammen und drückte ihn Shane in die Hand. Auf Shanes Frage, was er damit abfackeln solle, antwortete Flint nur, alles, was sich bewege und nicht zu uns gehöre. Er nannte es Vorsicht, wir nannten es Paranoia, und ehrlich gesagt war mir beides recht. Shane erzählte, sein Sohn sei überzeugt, jedes Lebewesen habe ein Daseinsrecht. Flint stimmte zu, solange dieses Leben nicht anderes Leben zerstöre.
Dann begann Ayana mit den Blutabnahmen. Ich ging zuerst und bat darum, alle Reste am Ende zu verbrennen. Es gibt Leute, die mich lieber nicht aufspüren sollen. Während sie mir ein Pflaster aufklebte, meldete Kendron, die letzte Einlagerung liege knapp neunzehn Jahre zurück, drei Jahre, sieben Monate und elf Tage vor der Wende. Ungefähr die Zeit, als ich abdanken musste. Kendron fand, ich hätte den Schatten bei der KRS eine Dankeskarte schicken können. Mit der neuen Führung war man damals wohl nicht so glücklich gewesen.
Ich nahm Ayana Blut ab, danach war Kendron dran, der sich höflich mit "Danke, Liebes" bedankte und murmelte, das Hallo-Katzen-Pflaster müsse sie ihm aber nicht draufkleben. Natürlich nahm sie genau dieses. Sein Grummeln habe ich bis heute im Ohr. Flint nahm Shane den Flammenwerfer wieder ab, was Shane sichtlich bedauerte, bevor er sich zu Ayana setzte, die wusste, wie empfindlich er bei Nadeln war.
Kendron und ich setzten das Bild zusammen, so gut es ging. Die Experimente waren eingestellt, die Anlage versiegelt worden, später hatte eine kleine Abteilung die Überbleibsel überwacht. In den letzten Logbüchern stand nichts Spannendes, hier war schlicht tote Hose gewesen. Ich fragte, ob man die Bunker untereinander und mit der Zitadelle vernetzen könne. Laut Kendron war dieser hier vom Netzwerk getrennt worden, vermutlich von Hand, und Flint machte sich gleich daran, es sich anzusehen.
Während Shane den Ärmel hochzog und die Decke anstarrte, als hinge dort die Rettung, stutzte Kendron vor seinem Bildschirm. "U 20 Frachtbahnhof?", las er vor. Keiner von uns wusste, was das bedeuten sollte. Ich hatte allerdings das ungute Gefühl, dass wir es bald herausfinden würden.
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