Bordbuch · Eintrag 3
Ein Messer vor Sonnenaufgang
Sitzung vom 11:10:10225 NKS
Aufgezeichnet von Astaria
Manche Abende beginnen mit der Erleichterung, noch zu leben, und enden mit der Frage, wie lange das so bleibt. An jenen Abend denke ich oft zurück. Wir waren aus der Anlage entkommen, durch einen alten Bahntunnel, während hinter uns die Explosionen jeden Weg zum Bunker verschütteten. Nach gut einer Stunde Marsch durch Dunkelheit und Staub fanden wir einen Ausgang ins Freie. Einige von uns erkannten die Gegend sofort: Ganz in der Nähe lag ein Dorf, mit dem wir schon Handel getrieben hatten. Wir waren erschöpft und starrten vor Dreck, also nahmen wir Zimmer in der Taverne, wuschen uns und verabredeten uns zum gemeinsamen Essen.
Kendron und Ayana teilten sich ein Zimmer. Später erzählte mir Kendron, dass Ayana ihren Rucksack nicht oben lassen wollte, obwohl wir die Nacht ohnehin dort verbringen würden. Darin trug sie ihre Proben, und sie hatte sie lieber bei sich. Kendron drängte sie nicht. Er versprach, den Rucksack unten zwischen ihnen beiden zu verwahren und mit aufzupassen. Ich glaube, diese kleine Geste bedeutete ihr mehr, als sie zeigte. Shane kam wie immer mit noch feuchtem Haar herunter und ergatterte einen der letzten großen Tische im übervollen Schankraum. Flint, so sauber, wie es eben ging, setzte sich neben ihn.
Ich selbst kam als Letzte die Treppe herunter, und bevor ich mich zu ihnen setzen konnte, sprach mich jemand an. Was ich hörte, ließ mich stutzen. Ich bat meine Freunde um einen Augenblick Geduld und verließ mit diesem Boten die Taverne, hungrig wie ich war. Der Bürgermeister wollte mich sprechen, und manche Dinge duldeten keinen Aufschub.
Was am Tisch geschah, erfuhr ich erst später. In einer Ecke saß Skadi, die Eisdame, allein an einem großen Tisch und behielt den Raum im Blick. Shane hatte ihr zugewinkt, was Kendron mit geschlossenen Augen zur Kenntnis nahm. Hatte sie beim letzten Mal nicht gesagt, sie wolle nicht mit uns gesehen werden? Ayana meinte nur leise, viele wollten nichts mit uns zu tun haben. Doch Skadi kam mit ihrem Bier herüber und setzte sich ausgerechnet auf den Platz, den man mir freigehalten hatte. Immer würden wir dort auftauchen, wo sie endlich Ruhe zu finden hoffe, sagte sie und wollte wissen, was wir vorhätten, damit sie gegebenenfalls gleich verschwinden könne.
Essen, trinken, schlafen, antwortete Kendron, und als die Platten mit Fleisch, Gemüse und Brot kamen, schien das glaubhaft. Doch Skadi bohrte nach, woher wir so verdreckt kämen. Kendron sprach von Geschäften im Untergrund, von Händlern, die keinen Besen kennen, und von einem falschen Ausgang, der sie von ihren Pferden getrennt habe. Skadi nannte das Blödsinn und tippte auf die alte U-Bahn. Mit zusammengekniffenen Augen hörte sie Kendron zu, als er erklärte, es habe eher nach einem Bergwerk ausgesehen. Shane fand, eine gute Lüge brauche einen wahren Kern, und hielt sich an seinen Nachschlag. Über sich selbst verriet Skadi nur, sie habe dies und das getan und ein wenig Handel getrieben. Ayana fand es merkwürdig, dass man sich immer hier begegne. Sehr merkwürdig, stimmte Skadi zu.
Dann läuteten die Glocken des Dorfes.
Ein Prospektor, den der Wirt Jeppy nannte, stieß die Tür auf und stammelte von Bewaffneten in Rüstung vor dem Dorf. Das Freie Volk sei gekommen, und es wolle das Dorf. Natürlich warf Skadi meinen Gefährten vor, den Ärger anzuziehen. Flint leerte seinen Krug in einem Zug und ging hinaus, angeblich um Luft zu schnappen. Kendron rief ihm noch nach, die Taverne bleibe ganz, was den Wirt einigermaßen verwirrte. Er und Shane bezogen Posten an den Fenstern, während Ayana am Tisch wartete und Skadi sich lieber noch ein Bier genehmigte.
Ich stand da schon am Dorfeingang. Ihr Anführer war ein Mann in Rüstung mit mehr Muskeln als Geduld, und keiner von uns sah zufrieden aus. Als ich das Wort ergriff, erntete ich nur Spott. Es ist eine bittere Erfahrung für jemanden, die einst über diese Welt herrschte, verlacht zu werden wie eine Bittstellerin. Ich überließ dem Bürgermeister das Reden und hoffte inständig, dass niemand eine Dummheit beging. Flint näherte sich vorsichtig, bis Kendrons Stimme vom Fenster her ihn zum Stehen brachte. Am Ende warf der Mann ein Messer in den Boden, wo es stecken blieb, und zog mit seinen Leuten ab. Eine Herausforderung, und an ihr hing ein Ultimatum.
Flint begleitete mich zurück, meinte, langweilig werde es uns nie, und hielt mir die Tür auf. Ich bat Skadi, ein Stück zu rücken, nahm einen großen Schluck aus dem Krug, den Shane mir hinschob, und berichtete leise: Das Freie Volk beanspruchte das Dorf und ließ dem Bürgermeister bis Sonnenaufgang Zeit, sich zu unterwerfen. Das Dorf hatte zu wenige Leute. Es würde wohl das Knie beugen, und dann sollten wir schleunigst fort sein. Die Verantwortlichen waren ratlos. Einer Belagerung konnten sie vielleicht eine Weile standhalten, doch niemand wusste, wie lange.
Dann sprach ich aus, was mich wirklich bewegte. Dieses Dorf hatte sich unserer neuen Allianz anschließen wollen. Jemand musste geplaudert haben, und die Nachricht hatte das Freie Volk erreicht. Was wäre eine Allianz wert, die ihre Mitglieder nicht verteidigt? Shane nickte mir zu. Flint schlug einen Erstschlag vor, Ayana sagte, ohne unsere Hilfe wären wir nicht glaubwürdig, und Kendron erklärte fürs Protokoll, Weglaufen sei keine Option, wenn auch besser mit vollem Magen. Zuletzt hob Skadi ihr Bier: wieder einmal ein Kampf mit uns, und sie sei dabei.
So saßen wir zwischen kalt werdenden Platten und warmem Bier, und draußen steckte ein Messer in der Erde. Bis Sonnenaufgang blieben uns nur wenige Stunden.
Willst du beim nächsten Mal dabei sein?
Wir spielen jeden Sonntag von 19 bis 21 Uhr, ohne Anmeldung direkt im Browser.
Jetzt mitmachen